Perfektionismus wegen Existenzangst

Perfektionismus wegen Existenzangst ist schädlicher als Social Media

Perfektionismus mag ein weitgehend akzeptierter Charakterzug sein. Die Ursache ist es nicht. Der steigende soziale Druck wirkt wie ein Brandbeschleuniger für Existenzangst, psychische Belastung und Burn-out bei jungen Menschen. Dieser Artikel zeigt, warum vor allem perfektionistische Sorgen – also die Angst davor, Fehler zu machen und anderen nicht zu genügen – schädlicher sind als Social Media und wie du gezielt an den entscheidenden Dimensionen von Perfektionismus ansetzen kannst.

Was ist Perfektionismus – und warum ist er heute so ungesund?

Perfektionismus bezeichnet in der Psychologie ein Muster aus überhöhten hohen Ansprüchen, einem starren inneren Massstab und der Tendenz, den eigenen Wert an fehlerlose Leistung zu knüpfen. Im Alltag heisst das: Wer unter starkem Perfektionismus leidet, erlebt Fehler als persönliches Versagen und reagiert mit harter Selbstkritik statt mit nüchterner Auswertung.

Curran und Hill zeigen in ihren multidimensionalen Studien, dass Perfektionismus keine einheitliche Definition hat, sondern multidimensional gedacht werden muss. Mindestens zwei Formen sind zentral: perfektionistisches Streben (das Exzellenz Streben, also hohe Ziele und hohe Massstäbe für die eigenen Leistungen) und perfektionistische Sorgen (die Angst davor, den Standard anderer nicht zu erfüllen und negativ bewertet zu werden).

Perfektionismus wegen Existenzangst ist schädlicher als Social Media - Infographik
Infographik: Perfektionismus wegen Existenzangst

Die Dimensionen: selbstorientiert, sozial vorgeschrieben, fremdorientiert

Curran und Hill unterscheiden drei zentrale Dimensionen von Perfektionismus.

  • Selbstorientierter Perfektionismus: hohe Ansprüche und ein hoher innerer Standard an sich selbst, inklusive perfektionistisches Streben.
  • Sozial vorgeschriebener Perfektionismus: die Überzeugung, dass andere überhöhte Erwartungen haben und Versagen nicht verzeihen.
  • Fremdorientierter Perfektionismus: unrealistisch hohe Ansprüche an andere, etwa Partner, Kinder oder Kollegen.

Vor allem für junge Menschen ist die sozial vorgeschriebene Dimension entscheidend: Hier steckt die Versagensangst, die Angst davor, andere zu enttäuschen, und die Sorge, dass Fehler soziale Konsequenzen haben. Diese Dimension zeigt in den Metaanalysen die engste Verbindung zu schwerer psychischer Belastung und gilt als besonders schädlich.

Die Sorgen dominieren die eigenen Ansprüche

Die Sorge anderen nicht zu genügen ist in den letzten 35 Jahren deutlich stärker angestiegen als das reine perfektionistische Streben. Das bedeutet: Junge Menschen setzen sich nicht nur höhere Ziele, sondern erleben gleichzeitig mehr Angst, Zweifel und ständige Sorgen darüber, ob sie den (vermeintlichen) Ansprüchen anderer genügen.

Perfektionismus wird so immer mehr zu einem dysfunktionalen Extremfall, in dem die Komponente «Angst davor, Fehler zu machen oder andere zu enttäuschen» das persönliche Empfinden dominiert. Diese Entwicklung wird durch die Multikrise verstärkt. Soziale, politische und ökonomische Faktoren wie steigende Ungleichheit, unsichere Jobsituation und Krieg führen dazu, dass schon geringfügige Fehler die Existenzangst verstärken.

Existenzangst als Treiber: Wenn hohe Ansprüche zur Überlebensstrategie werden

Wie soeben erwähnt ist der Anstieg von Perfektionismus eng mit wirtschaftlicher Unsicherheit, wachsender Ungleichheit und verlangsamtem Wachstum verknüpft. Wenn das Umfeld signalisiert, dass Fehler, Versagen oder «nur durchschnittlich» zu sein existenzielle Folgen haben könnten, werden hohe Ansprüche und starre Standards zur Überlebensstrategie.

Aus Sicht der Psychologie wird Perfektionismus dann zu einem Versuch, existenzielle Angst zu kontrollieren: Wer perfektionistisch alles richtig machen will, versucht, das Risiko von persönlichem Versagen und sozialem Ausschluss zu minimieren. Das Problem: Die Massstäbe werden unrealistisch, die Fehlertoleranz sinkt, und jeder kleine Rückschlag verstärkt die innere Störung statt sie zu beruhigen – ein klassisch dysfunktionales Muster.

Warum Social Media eher Verstärker als Hauptursache ist

Der Anstieg des Perfektionismus hat schon vor der breiten Nutzung sozialer Medien begonnen. Social Media verstärkt also bestehende Muster und ist nicht zwingend die alleinige Ursache. Die dauerhafte Vergleichbarkeit, Filterblasen und künstliche Perfektion wirken wie Öl im Feuer der überhöhten inneren Ansprüche.

Wenn ein junger Perfektionist seine Identität stark an äussere Leistung knüpft, verstärken die sozialen Medien die Versagensangst und den Druck, keine Fehler zu machen. Damit verschärfen die sozialen Medien die perfektionistischen Sorgen, sind aber nicht der Ursprung der Existenzangst. Diese liegt eher bei den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen.

Eltern als Verstärker – aber oft unbewusst

Auch die Eltern spüren den Druck. Oft geben sie diesen an ihre Kinder weiter. Wenn Kinder erleben, dass Liebe, Anerkennung oder Nähe an Leistung gekoppelt sind, internalisieren sie mit der Zeit Glaubenssätze wie: «Ich darf mir keine Fehler machen, sonst mag mich keiner.»

Diese Dynamik geschieht meist nicht bewusst, wirkt aber als starke psychologische Komponente im System Familie. Eltern mit hohem selbstorientiertem Perfektionismus geben ihren inneren Standard oft direkt oder indirekt an ihre Kinder weiter – durch Kommentare, nonverbale Reaktionen, hohe Massstäbe im Alltag oder ständig erhöhte Ansprüche an Schule, Sport oder Verhalten. So entsteht hier ein klassischer Nährboden für dysfunktionale, sozial vorgeschriebene Perfektionismus-Muster.

Was Coaching leisten kann – und wo Psychotherapie gefragt ist

Perfektionismus kann über Jahre unauffällig sein, wird aber ab einem bestimmten Leidensdruck belastend und entwickelt sich mitunter bis zu klinischer Störung. Gerade weil dysfunktionaler Perfektionismus eng mit Depression, Burn-out, Angstsymptomen und zum Teil mit Essstörung und Zwangsstörungen verknüpft ist, braucht es eine klare Grenze zwischen Coaching und psychotherapeutisch indizierten Interventionen.

Coaching ist sinnvoll, wenn die betroffene Person grundsätzlich funktioniert, aber unter innerem Druck, Prokrastination, hohen Ansprüchen und chronischer Überlastung leidet, ohne dass eine diagnostizierte psychische Störung im Vordergrund steht. Sobald jedoch Leidensdruck, Alltagseinschränkungen, schwerere Symptome oder ein Extremfall eintreten, ist es wichtig, Hilfe beim Hausarzt zu holen und gegebenenfalls psychotherapeutische Massnahmen einzuleiten.

Praktische Ansätze im Mental Coaching: zuerst Sorgen, dann Streben

Für die meine Praxis als Mental Coachs ist folgende Unterscheidung zentral: Perfektionismus ist nicht nur ein Thema hoher Ziele, sondern vor allem eines von den Sorgen, die dahinter stecken. Wer nur am perfektionistischen Streben arbeitet – etwa mit «gut genug»-Prinzip, 80:20-Regel und dem Hinweis, den Standard etwas zu senken – übersieht den Haupttreiber: die Versagensangst und die innere Angst davor, andere zu enttäuschen.

Ein sinnvoller Aufbau im Coaching:

  • Phase 1: Arbeit mit Ängsten und Sorgen – etwa via Hypnose, NLP und regulierende Tools für das Nervensystem, um Existenzangst, Versagensangst und soziale Bewertungsangst zu reduzieren.
  • Phase 2: Kognitive und emotionale Entkopplung von Fehler und Selbstwertgefühl, inklusive Neujustierung des inneren Massstabes und Reframing von Fehlern als Informationen bzw. Feedback statt Beweise für Versagen.
  • Phase 3: Bearbeitung des selbstorientierten Perfektionismus – bewusstes Neujustieren vom eigenen Standard,  zu hohe Ziele in realistische Ziele umwandeln.

Erst wenn die belastenden Sorgen bearbeitet sind, kann an der persönlichen Perfektion gearbeitet werden, ohne dass das System immer wieder in alte, dysfunktionale Muster kippt.

Elternarbeit: vom Perfektionist zum «gut genug»-Modell

Da auch elterliche Erwartungen stark mit sozial vorgeschriebenem Perfektionismus verknüpft sind, lohnt sich systemische Elternarbeit. Ziel ist nicht, aus engagierten Eltern «lässige» Menschen ohne Gewissenhaftigkeit zu machen, sondern den inneren Perfektionist umzuschulen: Von «hohe Ansprüche um jeden Preis» hin zu «hohe Massstäbe dort, wo sie sinnvoll sind – und bewusstes ‚gut genug‘ in allen anderen Bereichen».

Konkrete Hebel:

  • Reflexion eigener Ansprüche und unrealistisch hoher Ziele an Kinder und an sich selbst.
  • Entkoppelung von Liebe und Leistung in Sprache, Ritualen und Alltagssituationen.
  • Klare, funktional begründete Standards (z.B. Sicherheit, Respekt) versus überflüssige Detailkontrolle, die vor allem der eigenen Angst dient.

So wird aus dysfunktionalen, oft über Generationen weitergegebenen Perfektionismus-Mustern Schritt für Schritt ein funktional, entwicklungsfördernder Rahmen.

Tipps zum Umgang mit Perfektionismus bei Jugendlichen

Für die Arbeit mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen gibt es einige klare Tipps zum Umgang mit Perfektionismus.

  • Perfektionismus benennen und einordnen: Klar machen, dass Perfektionismus kein Zeichen von Schwäche, sondern eine erlernte psychologische Strategie ist, um Angst zu regulieren.
  • Existenzangst adressieren: Ökonomische Unsicherheit, Leistungsdruck und Zukunftssorgen offen thematisieren, statt sie nur auf individuelle «Leistungsbereitschaft» zu reduzieren.
  • Soziale Dimension ins Zentrum stellen: Arbeit an sozial vorgeschriebenem Perfektionismus und den internalisierten Erwartungen anderer – statt nur an To-do-Listen oder Oberflächen-Prokrastination.
  • Konkrete Micro-Experimente mit «gut genug»: bewusst kleine Fehler zulassen, realistische Standards definieren, bewusst Grenzen setzen und beobachten, dass der befürchtete soziale Ausschluss ausbleibt.

Diese Tipps helfen, Perfektionismus Schritt für Schritt aus der Rolle einer unsichtbar schädlich wirkenden Störung in ein bewusstes, veränderbares Verhaltens- und Denkmuster zu überführen.

Wichtigste Punkte in Kürze

  • Perfektionismus ist multidimensional: Perfektionistisches Streben und perfektionistische Sorgen wirken zusammen, wobei die Sorgen besonders schädlich sind.
  • Currans Forschung zeigt, dass Perfektionismus bei jungen Menschen seit Jahrzehnten zunimmt und mit Depression, Angst und Burn-out verknüpft ist.
  • Die stärkste Problemzone ist der sozial vorgeschriebene Perfektionismus: die Angst davor, andere zu enttäuschen und Fehler nicht verziehen zu bekommen.
  • Existenzangst, wirtschaftliche Unsicherheit und Ungleichheit sind zentrale Treiber; sozialen Medien wirken eher als Verstärker denn als Hauptursache.
  • Eltern können unbewusst dysfunktionalen Perfektionismus verstärken, wenn Liebe und Anerkennung stark an Leistung und hohe Ansprüche gekoppelt sind.
  • Mental Coaching sollte zuerst perfektionistische Sorgen und Versagensangst adressieren und erst danach das selbstorientierte perfektionistische Streben neu justieren.
  • Bei starkem Leidensdruck, Verdacht auf Depression, Essstörung, Zwangsstörungen oder anderen schweren Störungen ist es wichtig, Hilfe zu suchen und psychotherapeutisch abzuklären.

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