Viele berufstätige Eltern merken seit Jahren, dass etwas nicht mehr stimmt – und schieben ihr eigenes Wohl trotzdem immer weiter nach hinten. Sie funktionieren, halten durch, suchen Lösungen im Aussen und hoffen, dass sich die innere Spannung irgendwann von selbst legt.
Genau hier liegt das Problem: Je länger du wartest, desto lauter werden Stress, Angst und Erschöpfung – und desto härter trifft dich der Moment, in dem das System nicht mehr trägt. Dieser Text ist kein Wellness‑Ratgeber, und bietet keine Lösung (die kommt danach). Er soll aufschrecken und wachrütteln. Für Menschen, die bereit sind aufzuhören, sich selbst zu belügen und endlich dort hinzuschauen, wo es wirklich weh tut.
Es läuft nichts mehr. Kaum jemand interessiert sich noch für Mental Coaching. Oder eigentlich doch. Denn wenn ich davon erzähle, nicken alle. «So wichtig.» «Braucht es immer mehr.» «Krass, was du machst.» Und dann passiert… nichts. Kalender leer. Postfach leer. Es sind die anderen, die es brauchen. Bei sich selbst hinschauen? Zu anstrengend. Zu aufwändig. Zu teuer. Zu gefährlich für das Bild nach aussen.
Und es schreit innerlich.
Ich spreche mit Menschen. Vielen Menschen. Funktionierende Menschen. Mit anspruchsvollen Jobs, Familien, vollem Alltag. Und dann sehe ich die Risse. Die Frau, die nicht in den Lift steigt, obwohl sie im 7. Stock arbeitet. Platzangst, als Sportlichkeit getarnt. Der Mann, der jede Autobahn meidet und dafür täglich eine halbe Stunde Umweg fährt. Der Vater, der nachts wach liegt, weil sein Herz rast, und morgens sagt, er habe «einfach schlecht geschlafen». Die Mutter, die beim Gedanken an eine Spinne schwitzige Hände bekommt und es «halt so ist». Generationenübergreifend. «Das hatten meine Eltern schon.» Nein. Das wurde weitergegeben. Verhalten. Muster. Angst. Es müsste nicht sein. Aber sie wissen es nicht. Oder wollen es nicht wissen.
Und es schreit innerlich weiter.
Andere tragen Ereignisse mit sich herum, die längst vorbei sind und trotzdem jeden Tag bestimmen. Ein Sturz vom Velo vor zehn Jahren. Seitdem kein Tempo mehr, kein Vertrauen mehr. Ein Autounfall, der bei jeder Kreuzung wieder passiert. Eine Trennung, die nie verarbeitet wurde, nur überdeckt mit Arbeit, Ablenkung, neuen Kontakten. Ein Satz aus der Kindheit, der sich festgebissen hat: «Reiss dich zusammen.» Oder «Du bist dumm.» Und jetzt ist man erwachsen und lebt danach, ohne es zu merken. Man arrangiert sich. Funktioniert. Leistet. Hält durch. Es fühlt sich falsch an, aber es fühlt sich gewohnt an. Es müsste nicht sein. Aber sie wissen es nicht. Oder wollen es nicht wissen.
Und es schreit innerlich weiter.
Dann der Alltag. Der Wecker klingelt, der Körper ist müde, der Kopf schon laut. Kaffee, Handy, Nachrichten. Der erste Reiz, bevor die eigenen Gedanken überhaupt eine Chance bekommen. Im Büro Meetings, die niemand will, Entscheidungen, die niemand trägt. Abends Netflix, um nichts mehr fühlen zu müssen. Wochenenden, die gefüllt sind, damit keine Lücke entsteht. Stille ist gefährlich. Da könnte man etwas hören.
Denn es schreit innerlich weiter.
Die Kinder reagieren. Laut. Unruhig. Wütend. «Auffällig.» Schnell wird gehandelt. Mit Diagnosen, Therapien, Labels. Das Problem sitzt beim Kind. Muss es ja. Das System ist unantastbar. Eltern, die selbst überfordert sind, dysreguliert, erschöpft, angespannt bis in die Knochen, erwarten Regulation von ihren Kindern. Co-Regulation ist ein Fremdwort oder ein Buzzword aus einem Podcast, den man halb gehört hat. Das Kind zeigt, was im System nicht stimmt. Und wird dafür behandelt. Es müsste nicht sein. Aber sie wissen es nicht. Oder wollen es nicht wissen.
Und es schreit innerlich weiter.
Die Lösungen werden draussen gesucht. Immer draussen. Mehr Ferien. Weiter weg. Schneller. Teurer. Zwei Wochen Sonne gegen Jahre von innerem Lärm. Ein neues Auto. Ein besserer Körper. Weniger Falten. Mehr Likes. Supplements, Routinen, Hacks. Alles, was schnell geht. Alles, was nichts wirklich verändert. Hauptsache, es fühlt sich kurz anders an. Dann zurück in den gleichen Zustand. Nur noch tiefer.
Und es schreit trotzdem innerlich weiter.
Die meisten Gespräche bleiben oberflächlich. «Wie geht’s?» «Gut.» Standardantwort. Lüge. Gesellschaftlich akzeptiert. Ehrlichkeit wäre störend. Unpraktisch. Unbequem. Also bleibt man im Skript. Funktioniert im System, das selbst dysfunktional ist. Burnout gehört zur Karriere. Erschöpfung wird zur Normalität. Schlafstörungen ein Running Gag. Alkohol am Abend, man gönnt sich ja sonst nichts. Zucker spendet Trost. Scrollen dient der Betäubung. Niemand stellt die Grundfrage: Wozu?
Und es schreit innerlich weiter.
Alle sehen es. Bei den anderen. Der Kollege ist «überfordert». Die Freundin «zu sensibel». Der Partner «schwierig». Man analysiert, bewertet, diagnostiziert. Nur nicht sich selbst. Verantwortung wird verteilt, aber nie genommen. Als Opfer lebt es sich leichter. Da muss man nichts ändern. Da dürfen andere liefern. Der eigene Anteil bleibt unsichtbar. Es müsste nicht sein. Aber sie wissen es nicht. Oder wollen es nicht wissen.
Und es schreit innerlich weiter.
Es wird lauter. Innen und aussen. Mehr Content. Mehr Meinung. Mehr Lärm. Jeder sendet. Kaum jemand hört. Schon gar nicht nach innen. Denn da ist nichts Schönes. Da ist Chaos. Schmerz. Unsicherheit. Alte Geschichten. Und die Erkenntnis, dass man selbst Teil davon ist. Dass man selbst es aufrechterhält. Das ist unbequem. Also weiter. Mehr vom Gleichen. Alle machen es so.
Und so schreit es innerlich immer weiter.
Die Menschheit will nicht gerettet werden. Nicht, weil es keine Lösungen gibt. Sondern weil die Lösung unbequem ist. Still werden. Hinschauen. Verantwortung übernehmen. Fühlen, was da ist. Verarbeiten, was war. Und aufhören, sich selbst zu belügen.
Lies hier weiter: Utopie – die Menschheit wird gerettet.


