Ein Gastbeitrag von Liam Mörker, Fokus Nachhilfe
Es ist halb elf, am nächsten Morgen ist die Mathe-Prüfung, und das Licht im Kinderzimmer brennt noch. Das Heft ist voller Markierungen, die Zusammenfassung ist zum dritten Mal abgeschrieben. Trotzdem sagt das Kind beim Gutenachtsagen: «Ich kann es immer noch nicht.»
Diese Szene kennen viele Familien. Mit Fokus Nachhilfe begleiten wir Kinder und Jugendliche beim Lernen zu Hause, und wir sehen sie vor allem bei den Gewissenhaften. Bei denen, die eigentlich viel tun. Sie lernen mehr als nötig, weil sie Angst haben, und am Prüfungstag sitzen sie müde und angespannt da. Das viele Lernen hat die Angst nicht kleiner gemacht, eher im Gegenteil.
Ich glaube, dass man hier zwei Dinge auseinanderhalten muss: die Seite des Stoffs und die mentale Seite. Beide hängen zusammen, aber sie brauchen unterschiedliche Antworten.
Wiederlesen fühlt sich sicher an und ist es nicht
Wer Angst vor einer Prüfung hat, greift fast immer zu denselben Methoden. Zusammenfassung nochmals lesen. Mit Leuchtstift markieren. Die Beispiele im Buch nochmals anschauen. Das fühlt sich produktiv an, weil alles bekannt vorkommt. Nur heisst «kommt mir bekannt vor» noch lange nicht «kann ich allein lösen».
Genau hier entsteht ein Teil der Unsicherheit. Das Kind merkt beim Lesen irgendwie, dass es den Stoff nicht wirklich im Griff hat, weiss aber nicht, wo genau es hängt. Also liest es weiter. Und weil das Gefühl von Sicherheit nicht kommt, wird bis spät in den Abend gelernt.
Was wirklich Sicherheit gibt, ist das Abrufen. Aufgaben ohne Vorlage lösen, das Heft dabei zu. Sich selbst eine kleine Prüfung zusammenstellen, drei, vier Tage vorher, und sie unter echten Bedingungen schreiben. Oder den Stoff einem Elternteil erklären, der bewusst nachfragt. Dabei zeigt sich schnell, was sitzt und was nicht. Das ist unangenehmer als Wiederlesen, aber danach weiss das Kind, woran es ist. Eine klar benannte Lücke macht weniger Angst als ein diffuses Gefühl, nichts zu können.
Ein Lernplan braucht ein Ende
Die zweite Sache, die wir in der Lernbegleitung immer wieder anpassen: Viele Kinder lernen ohne Plan, und ein Plan ohne Ende ist keiner. Wer nicht weiss, wann er fertig ist, hört erst auf, wenn er erschöpft ist.
Ich rate deshalb zu einem einfachen Plan über mehrere Tage, bei dem jeder Tag ein kleines, klares Ziel hat. Heute die Brüche, morgen die Textaufgaben, übermorgen die Probeprüfung. Und ein fester Schluss am Abend vor der Prüfung: kein neuer Stoff mehr, höchstens nochmals die eigenen Fehler aus der Probeprüfung anschauen. Dann ist Feierabend. Das fällt ängstlichen Kindern schwer, gerade am Anfang. Aber ein ausgeschlafener Kopf ruft am Morgen mehr ab als einer, der bis Mitternacht gepaukt hat.
Wo der Stoff nicht mehr weiterhilft: Mental Training
Irgendwann ist die Vorbereitung gut, und die Angst bleibt trotzdem. Das Kind kann die Aufgaben zu Hause lösen, und in der Prüfung ist plötzlich der Kopf leer. Oder es schläft in der Nacht davor kaum, hat Bauchweh am Morgen, und die Hände zittern beim Austeilen der Blätter.
Da hilft kein weiteres Arbeitsblatt. An diesem Punkt zählt, wie das Kind mit Druck umgeht. Wie es sich in der Prüfung selbst beruhigt, wenn die erste Aufgabe nicht klappt. Wie es den inneren Satz «Ich kann das nicht» unterbricht. Das ist ein eigenes Handwerk, und ich finde es wichtig, das ehrlich zu sagen: Als Lernbegleitung können wir den Stoff ordnen und Sicherheit im Können aufbauen. Die mentale Seite braucht andere Werkzeuge, zum Beispiel aus dem Mentaltraining. Und wenn die Angst über lange Zeit sehr stark ist oder den Alltag bestimmt, ist eine Fachstelle der richtige Weg, etwa der schulpsychologische Dienst oder ein Mental Trainer.
Anmerkung von Tom Camichel: Mental Training und Hypnose hilft Prüfungsangst erfolgreich zu bewältigen.
Am besten wirkt es, wenn beide Seiten zusammenkommen. Ein Kind, das weiss, dass es vorbereitet ist, und gleichzeitig einen Weg kennt, im Moment ruhig zu bleiben, geht anders in eine Prüfung.
Was Eltern am Abend davor tun können
Eltern unterschätzen oft, wie stark ihre eigene Anspannung mitsitzt. Die Frage «Hast du auch genug gelernt?» am Abend vor der Prüfung ist gut gemeint. Beim Kind kommt sie als Zweifel an. Besser sind Fragen, die nach vorne schauen und nichts bewerten: Was machst du, wenn du bei einer Aufgabe hängen bleibst? Mit welcher Aufgabe fängst du an?
Hilfreich ist auch, was nach der Prüfung passiert. Wenn das erste Gespräch zu Hause sich um die Note dreht, lernt das Kind, dass es genau darum geht. Wenn Eltern stattdessen fragen, wie es sich angefühlt hat und was beim nächsten Mal anders sein soll, verschiebt sich der Blick. Die Note kommt dann ohnehin noch.
Manchmal ist es für alle leichter, wenn jemand von aussen die Vorbereitung übernimmt, der weder Mutter noch Vater ist. Genau so verstehen wir Lernbegleitung zu Hause: Das Kind bekommt einen Plan und Sicherheit im Stoff, und die Eltern dürfen wieder einfach Eltern sein.
Über den Autor
Liam Mörker ist Mitgründer von Fokus Nachhilfe. Das Bildungsinstitut organisiert in der ganzen Deutschschweiz Nachhilfe bei Kindern und Jugendlichen zu Hause. Ein pädagogisches Team begleitet jede Betreuung und schaut nach den Lektionen auf den Fortschritt.


